
Entgegen der landläufigen Meinung findest du das „echte“ Spanien nicht, indem du nach abgelegenen Orten suchst. Das wahre Erlebnis ist keine Sehenswürdigkeit, sondern eine Begegnung. Der Schlüssel liegt darin, über Peer-to-Peer-Plattformen gezielt Menschen mit ähnlichen Interessen zu finden und so deine Reise nicht nur zu konsumieren, sondern sie gemeinsam mit einem Local zu gestalten. Dieser Guide zeigt dir, wie dieser „digitale Handschlag“ funktioniert.
Du kennst das: Du stehst vor einer Sehenswürdigkeit, umgeben von Menschen, die alle das gleiche Foto machen. Ein Guide mit einem hochgehaltenen Regenschirm erzählt auswendig gelernte Fakten. Das ist nicht das Spanien, von dem du geträumt hast. Du sehnst dich nach den kleinen Gassen, den zufälligen Gesprächen, dem Gefühl, für einen Moment wirklich Teil des Lebens vor Ort zu sein. Du bist ein Individualist, der Standard-Führungen hasst und den persönlichen Kontakt sucht.
Die üblichen Tipps – „Iss, wo die Einheimischen essen“ oder „Lerne ein paar Brocken Spanisch“ – kratzen nur an der Oberfläche. Sie führen dich vielleicht an die richtigen Orte, aber nicht zu den richtigen Menschen. Doch was wäre, wenn der Schlüssel zum authentischen Erlebnis nicht darin liegt, *wo* du hingehst, sondern *mit wem*? Was, wenn dein nächster Reiseführer kein Buch ist, sondern ein Mensch, den du über eine App findest – ein Fotograf, ein Koch, ein Geschichts-Nerd, der seine Stadt liebt und seine Perspektive mit dir teilen will?
Genau hier setzt die Idee der Peer-to-Peer-Erlebnisse an. Plattformen wie Showaround, Withlocals oder das Greeter-Netzwerk verbinden dich direkt mit Einheimischen. Es geht nicht mehr um eine gekaufte Dienstleistung, sondern um eine interessenbasierte Verbindung. In diesem Guide tauchen wir tief in diese Welt ein. Wir klären die praktischen Fragen, von der Sicherheit bis zur Sprachbarriere, und zeigen dir, wie du vom passiven Touristen zum aktiven Mitgestalter deines Abenteuers wirst.
Dieser Artikel ist deine Anleitung, um die ungeschriebenen Regeln der Begegnung in Spanien zu meistern. Wir werden erkunden, wie du nicht nur Orte, sondern auch Herzen und Köpfe erreichst, von privaten Abendessen bis hin zu tiefgründigen Diskussionen in historischen Cafés.
Inhalt: Dein Weg zum Mensch-zu-Mensch-Erlebnis in Spanien
- Worauf du achten musst, wenn du eine Tour bei einer Privatperson ohne Lizenz buchst
- Wo du einen Einheimischen findest, der mit dir Street-Art oder Graffiti anschaut
- Lohnt sich ein Guide, der nur Spanisch spricht, wenn du Google Translate nutzt?
- Wie du ein privates Abendessen im Wohnzimmer eines Spaniers buchst („Social Dining“)
- Warum ein einheimischer Fotograf dir Spots zeigt, die auf keiner Karte stehen
- Wie du über geführte Kleingruppen-Touren Zugang erhältst, wenn Einzeltickets weg sind
- Direktheit vs. Unhöflichkeit: Wie du die lautstarke spanische Diskussionskultur richtig deutest
- Mehr als nur Zuschauer: Wie du durch „Tertulias“ die wahre spanische Seele verstehst
Worauf du achten musst, wenn du eine Tour bei einer Privatperson ohne Lizenz buchst
Der Gedanke, mit einem Local durch die Gassen zu ziehen, ist verlockend. Doch die erste Frage, die oft aufkommt, ist die nach der Sicherheit und Legalität. Im Gegensatz zu lizenzierten Guides agieren private Greeter oft in einer rechtlichen Grauzone. Das ist aber kein Grund zur Sorge, sondern einer zur Achtsamkeit. Der Schlüssel ist, die Plattformen, die du nutzt, als Vertrauensvermittler zu sehen. Sie bieten in der Regel Bewertungssysteme, sichere Zahlungsmethoden und Profile, die dir einen ersten Eindruck von deinem potenziellen Guide geben. Lies die Bewertungen anderer Reisender sorgfältig – sie sind dein wichtigstes Werkzeug, um die Zuverlässigkeit und die Persönlichkeit des Gastgebers einzuschätzen.
Der Trend zu solchen Angeboten ist riesig. Die Buchung über solche Plattformen ist längst kein Nischenphänomen mehr. Allein in Deutschland wurden laut aktuellen Daten für 2024 60,4 Millionen Übernachtungen über Online-Plattformen gebucht, was die enorme Akzeptanz dieses Modells zeigt. Dieser „digitale Handschlag“ ist zur Normalität geworden. Bevor du buchst, kommuniziere klar deine Erwartungen. Geht es dir um Fotografie, Essen oder Geschichte? Je genauer du bist, desto besser kann der Local das Erlebnis auf dich zuschneiden. Ein grosser Vorteil von nicht-lizenzierten Guides ist ihre Flexibilität und Spontaneität. Sie sind nicht an feste Routen oder Skripte gebunden und können viel leichter auf deine Wünsche eingehen.
Denk daran: Du buchst keine standardisierte Tour, sondern eine Begegnung. Es geht um einen Austausch. Sei offen, stelle Fragen und teile auch etwas von dir. Der beste Schutz ist immer ein guter menschlicher Draht. Vertraue auf dein Bauchgefühl beim Lesen des Profils und während der ersten Nachrichten. Wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, gibt es Dutzende andere Locals, die sich freuen, dir ihre Stadt zu zeigen.
Wo du einen Einheimischen findest, der mit dir Street-Art oder Graffiti anschaut
Du willst nicht nur bunte Wände sehen, sondern die Geschichten dahinter verstehen? Dann ist eine Tour mit einem lokalen Street-Art-Kenner genau das Richtige. Diese findest du am besten über spezialisierte Plattformen wie Withlocals oder sogar über lokale Künstlerkollektive, die man auf Instagram findet. Suche nach Schlagworten wie „Street Art Tour“, „Graffiti Workshop“ plus den Namen deiner Zielstadt. Der entscheidende Vorteil: Ein Local aus der Szene kennt nicht nur die berühmten Murals, sondern auch die versteckten Werke in Hinterhöfen und die sich ständig ändernde Dynamik der urbanen Kunst.
Diese Touren sind das perfekte Beispiel für eine interessenbasierte Verbindung. Du triffst nicht einfach irgendeinen Guide, sondern jemanden, der deine Leidenschaft teilt. Er kann dir erklären, welche politischen Botschaften hinter einem Werk stecken, wer die Künstler sind und welche „Beefs“ es zwischen verschiedenen Crews gibt. Das ist Wissen, das in keinem Reiseführer steht. Ein tolles Beispiel ist Cool Tour Spain in Madrid. Ihre Guides führen dich durch das Lavapiés-Viertel und erklären die Geschichte der Madrider Graffiti-Bewegung seit den 1980er Jahren, von Pionieren wie „Muelle“ bis hin zu aktuellen Projekten mit über 50 Künstlern. Das ist lebendige Kulturgeschichte, direkt auf der Strasse.

Wie du auf dem Bild siehst, geht es dabei um mehr als nur um das Betrachten von Kunst. Es ist eine immersive Erfahrung, die den urbanen Raum in eine riesige Freiluftgalerie verwandelt. Ein lokaler Guide kann dir die narrative Dimension hinter jedem Motiv entschlüsseln und dir zeigen, wie die Kunst mit der Architektur und der Seele des Viertels interagiert. So wird ein einfacher Spaziergang zu einer Entdeckungsreise, bei der du lernst, die Stadt mit anderen Augen zu sehen.
Lohnt sich ein Guide, der nur Spanisch spricht, wenn du Google Translate nutzt?
Die Vorstellung, mit einem Local unterwegs zu sein, der kein Englisch spricht, kann einschüchternd sein. Ist das Erlebnis dann nicht stark eingeschränkt? Die überraschende Antwort ist: Nein, es kann sogar authentischer sein. Wenn du dich darauf einlässt, wird die Kommunikation zu einem kreativen Akt aus Gesten, Lächeln und ein paar digitalen Helfern. Natürlich gehen Nuancen verloren, aber du verlässt die Komfortzone und tauchst tiefer in die Kultur ein. Dein Gegenüber wird deinen Versuch, dich zu verständigen, fast immer mit enormer Geduld und Herzlichkeit belohnen. Es signalisiert Respekt und echtes Interesse.
Moderne Übersetzungstools wie Google Translate sind dabei eine unschätzbare Brücke. Die Konversationsfunktion, bei der die App das Gesprochene direkt übersetzt, ermöglicht ein erstaunlich flüssiges Gespräch. Du solltest dir jedoch der Grenzen bewusst sein. Humor, Ironie und tiefe Emotionen sind schwer zu übersetzen. Für eine tiefgründige philosophische Debatte reicht es nicht, aber um die Geschichte eines Ortes zu erfahren, gemeinsam zu lachen und eine echte Verbindung aufzubauen, ist es mehr als genug. Eine gute Strategie ist eine Kombination aus Technik und Vorbereitung. Lerne 10-15 Schlüsselsätze auf Spanisch, um das Eis zu brechen.
Die folgende Übersicht aus Guide-Erfahrungen zeigt, wie die verschiedenen Methoden im Vergleich abschneiden:
| Kommunikationsform | Effektivität | Verlust an Authentizität |
|---|---|---|
| Google Translate | 60-70% Verständnis | Humor, Ironie, Redewendungen gehen verloren |
| 10-15 Schlüsselsätze auf Spanisch | 40% verbal + 60% nonverbal | Minimal – zeigt Respekt und Engagement |
| Professioneller Dolmetscher | 95% Verständnis | Spontaneität und direkte Verbindung fehlt |
Am Ende ist die Bereitschaft zur Kommunikation wichtiger als perfekte Sprachkenntnisse. Ein Forum-Nutzer hat es treffend zusammengefasst, wie es auch viele Guides auf Plattformen wie Guidebooker bestätigen:
Der wichtigste Satz ist eh: ¡Por favor, hable más despacio! = Sprechen Sie bitte langsamer!
– Forum-Nutzer Lunadel, Costa Blanca Forum – Spanisch für Fortgeschrittene
Wie du ein privates Abendessen im Wohnzimmer eines Spaniers buchst („Social Dining“)
Stell dir vor, du sitzt nicht in einem lauten Touristenrestaurant, sondern am Esstisch einer spanischen Familie in Barcelona, geniesst hausgemachte Paella und bekommst die besten Insidertipps für die nächsten Tage. Das ist die Magie von „Social Dining“. Plattformen wie Eatwith, oft als „Airbnb fürs Essen“ bezeichnet, machen genau das möglich. Du buchst nicht nur ein Essen, sondern einen Platz am Tisch von Einheimischen. Dies ist wohl eine der intensivsten Formen des Kulturaustauschs, die du als Reisender erleben kannst.
Der Prozess ist einfach: Du durchstöberst auf der Plattform die Profile von Gastgebern in deiner Zielstadt, liest die Menüs und die Bewertungen anderer Gäste und buchst deinen Platz. Das Angebot ist vielfältig: von Tapas-Abenden auf einer Dachterrasse über traditionelle Kochkurse in der privaten Küche bis hin zu mehrgängigen Gourmet-Menüs. Laut Erfahrungsberichten zu Reise-Apps ist dies eine der besten Methoden, um auf Reisen authentische Kontakte zu knüpfen. Du erhältst nicht nur ein fantastisches Essen, sondern auch einen ungefilterten Einblick in den spanischen Alltag, die Familiendynamik und die lokale Lebensweise.
Um das Beste aus diesem Erlebnis herauszuholen, ist es wichtig, die ungeschriebenen Regeln der spanischen Gastfreundschaft zu kennen. Es geht nicht nur darum, pünktlich zu sein (was in Spanien oft bedeutet, ein wenig zu spät zu kommen), sondern auch darum, sich aktiv am sozialen Teil des Abends zu beteiligen. Die sogenannte „Sobremesa“ – das lange, gemütliche Beisammensein nach dem Essen bei Kaffee oder einem Likör – ist oft der wichtigste Teil des Abends. Hier finden die besten Gespräche statt.
Dein Fahrplan für ein gelungenes Social-Dining-Erlebnis: Die Etikette-Checkliste
- Gastgeschenk mitbringen: Eine Flasche guten spanischen Wein mitzubringen ist eine wunderbare Geste. Blumen sind eher unüblich und werden nicht zum Essen erwartet.
- Die „Sobremesa“ einplanen: Plane nach dem Essen mindestens ein bis zwei Stunden für das gesellige Beisammensein ein. Ein schneller Aufbruch wirkt unhöflich.
- Spanische Pünktlichkeit leben: Eine „akademische Viertelstunde“ Verspätung (10-15 Minuten) ist in Spanien gesellschaftlich akzeptiert und wird oft erwartet.
- Offenheit beim Probieren zeigen: Probiere von allem, was angeboten wird. Eine Ablehnung kann als Unhöflichkeit missverstanden werden, da der Gastgeber viel Mühe in die Zubereitung gesteckt hat.
- In Kontakt bleiben: Spanier pflegen Freundschaften. Zögere nicht, Kontaktdaten auszutauschen, wenn die Chemie stimmt. Oft entstehen hier langanhaltende Verbindungen.
Warum ein einheimischer Fotograf dir Spots zeigt, die auf keiner Karte stehen
Du liebst es zu fotografieren, aber deine Bilder sehen am Ende genauso aus wie die von Tausenden anderen? Ein lokaler Fotograf als Guide ist die Lösung. Er kennt nicht nur die geheimen Orte, sondern auch die perfekte Uhrzeit für das magische Licht der Goldenen Stunde und die besten Winkel, die Touristen verborgen bleiben. Es geht nicht darum, Postkartenmotive abzuhaken, sondern darum, eine einzigartige visuelle Geschichte deiner Reise zu erzählen. Diese Guides findest du oft über spezialisierte Plattformen für Foto-Touren oder direkt über Instagram, indem du nach lokalen Fotografen in deiner Zielstadt suchst.
Ein herausragendes Beispiel sind die Barcelona Street Style Photo Tours. Hier führen dich lokale Fotografen auf umweltfreundlichen Bambusfahrrädern zu versteckten Street-Art-Locations in Vierteln wie Ciutat Vella und Poblenou. Der Mehrwert ist immens: Sie haben oft Zugang zu privaten Innenhöfen oder Dachterrassen, die für die Öffentlichkeit gesperrt sind. Sie helfen dir nicht nur bei der Motivsuche, sondern auch bei technischen Aspekten wie Bildkomposition und Belichtung. Du lernst, die Stadt durch die Linse eines Profis zu sehen und kommst mit Fotos nach Hause, die wirklich einzigartig sind.
Der entscheidende Punkt ist die kreative Co-Kreation. Du bist nicht nur ein Schüler, der Anweisungen befolgt. Ein guter Foto-Guide geht auf deinen Stil und deine Interessen ein. Er inspiriert dich, neue Perspektiven zu wagen und das Wesen eines Ortes fotografisch einzufangen. Er kann dir die Geschichte hinter einem verwitterten Tor erzählen oder dich auf ein Detail aufmerksam machen, das du übersehen hättest. Diese Art von Tour verwandelt deine Reise von einer reinen Besichtigungstour in einen kreativen Schaffensprozess. Das Ergebnis sind nicht nur bessere Bilder, sondern auch eine viel tiefere und persönlichere Verbindung zu dem Ort, den du besuchst.
Wie du über geführte Kleingruppen-Touren Zugang erhältst, wenn Einzeltickets weg sind
Du wolltest unbedingt die Alhambra sehen oder die Sagrada Familia von innen bestaunen, aber alle Einzeltickets sind für Wochen ausverkauft? Das ist ein häufiges Problem in Spaniens Top-Destinationen. Allein die Tatsache, dass Madrid als meistbesuchte Stadt Spaniens 2024 fast 9,9 Millionen Touristen verzeichnete, zeigt den enormen Andrang. Hier kommt ein cleverer Trick ins Spiel: Geführte Touren in Kleingruppen. Reiseveranstalter kaufen oft grosse Kontingente an Tickets im Voraus. Auch wenn du kein Fan von Führungen bist, kann die Buchung einer solchen Tour deine einzige Chance auf Einlass sein.
Der Trick besteht darin, eine Tour zu wählen, die zu deinem Stil passt. Suche gezielt nach „Kleingruppen-Tour“ (small group tour) oder „semi-privater Tour“. Diese Gruppen umfassen oft nur 6-10 Personen und sind weitaus persönlicher als die grossen Bus-Touren. Oft kannst du dich nach dem offiziellen Teil der Führung von der Gruppe lösen und die Attraktion auf eigene Faust weiter erkunden. Du kaufst dir also im Grunde ein Ticket mit dem Bonus eines Guides für den ersten Überblick. Die Guides haben zudem oft den Vorteil, dass sie Warteschlangen umgehen können („Skip-the-Line“-Zugang), was dir wertvolle Urlaubszeit spart.
Natürlich hat diese Methode ihren Preis. Der Aufpreis für eine Gruppentour im Vergleich zum Einzelticket kann erheblich sein. Doch wenn die Alternative ist, die Attraktion gar nicht zu sehen, ist es oft eine lohnende Investition. Die folgende Tabelle gibt dir einen Überblick über die typischen Kostenunterschiede für einige der begehrtesten Sehenswürdigkeiten in Spanien.
| Attraktion | Einzelticket (wenn verfügbar) | Gruppentour-Preis | Aufpreis für garantierten Zugang |
|---|---|---|---|
| Alhambra Granada | 19€ | 45-65€ | 26-46€ |
| Sagrada Familia | 26€ | 55-75€ | 29-49€ |
| Königspalast Madrid | 12€ | 35-45€ | 23-33€ |
Am Ende ist es eine Abwägungssache. Wenn dir eine bestimmte Sehenswürdigkeit extrem wichtig ist, ist dieser „Hack“ eine legitime und oft die einzige Möglichkeit, dir deinen Wunsch zu erfüllen. Du umgehst die Frustration ausverkaufter Tickets und gewinnst gleichzeitig Zeit und erste Orientierung. Es ist ein pragmatischer Kompromiss zwischen deinem individualistischen Anspruch und den Realitäten des Massentourismus.
Direktheit vs. Unhöflichkeit: Wie du die lautstarke spanische Diskussionskultur richtig deutest
Du sitzt in einer Bar und am Nebentisch entbrennt eine hitzige, laute Diskussion. Menschen gestikulieren wild, unterbrechen sich gegenseitig und scheinen sich fast anzuschreien. Dein erster Impuls als Deutscher ist vielleicht: Die streiten sich furchtbar! Doch in 99% der Fälle ist das ein Trugschluss. Was du erlebst, ist die spanische Diskussionskultur in Reinform. Lautstärke bedeutet hier Leidenschaft, nicht Aggression. Sich gegenseitig zu unterbrechen, ist kein Zeichen von Unhöflichkeit, sondern von Engagement und Interesse am Gespräch.
Ein Kulturwissenschaftler hat einmal einen wunderbaren Vergleich gezogen, um den Unterschied zu verdeutlichen:
Eine deutsche Diskussion ähnelt einem klassischen Orchester – jeder wartet auf seinen Einsatz. Eine spanische gleicht einem Jazz-Ensemble mit dynamischer Improvisation.
– Kulturwissenschaftler, Interkulturelle Kommunikation Spanien-Deutschland
Dieses Bild des Jazz-Ensembles ist perfekt. Es geht um ein dynamisches Miteinander, um das Aufgreifen von Ideen und das gemeinsame Weiterspinnen eines Themas. Stille wird oft als Desinteresse interpretiert. Wenn du also in eine solche Situation kommst, versuche, es nicht als Streit zu werten, sondern als eine Form von sozialem, energiegeladenem Austausch. Es ist ein Ausdruck von Lebendigkeit und emotionaler Beteiligung. Wenn du dieses Grundprinzip verstehst, wird sich deine Wahrnehmung der spanischen Mentalität grundlegend ändern. Du siehst keine Unhöflichkeit mehr, sondern Lebensfreude und Passion.
Wenn du selbst Teil einer solchen Diskussion wirst, gibt es ein paar einfache Verhaltensweisen, die dir helfen, dich zurechtzufinden und positiv teilzunehmen:
- Nutze bestätigende Laute: Kurze Einwürfe wie „claro“, „vale“ oder „sí, sí“, während jemand anderes spricht, signalisieren, dass du aufmerksam zuhörst.
- Erhöhe deine Körpersprache: Gestikuliere mehr als du es gewohnt bist. Hände und Mimik sind ein wesentlicher Teil der spanischen Kommunikation.
- Unterbrich höflich, aber bestimmt: Wenn du etwas Wichtiges sagen möchtest, nutze eine kurze Phrase wie „Perdona, pero…“ (Entschuldige, aber…).
- Zeige Engagement durch Augenkontakt: Direkter Augenkontakt und bestätigendes Nicken sind essenziell, um als aktiver Gesprächspartner wahrgenommen zu werden.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Schlüssel zu authentischen Erlebnissen liegt nicht in Orten, sondern in Begegnungen mit Einheimischen.
- Peer-to-Peer-Plattformen ermöglichen interessenbasierte Verbindungen (z.B. für Street-Art oder Fotografie).
- Kulturelle Codes wie die spanische Diskussionskultur oder die „Sobremesa“ sind entscheidend für eine gelungene Interaktion.
Mehr als nur Zuschauer: Wie du durch „Tertulias“ die wahre spanische Seele verstehst
Wenn du die spanische Kultur auf einer noch tieferen Ebene verstehen willst, jenseits von Tapas und Flamenco, dann musst du das Konzept der „Tertulia“ kennenlernen. Eine Tertulia ist ein traditioneller, informeller Gesprächskreis, der regelmässig in Cafés, Kulturzentren („Ateneos“) oder auch in privaten Wohnzimmern stattfindet. Hier treffen sich Menschen – oft Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller oder einfach nur leidenschaftlich Interessierte –, um über Literatur, Politik, Philosophie oder aktuelle Ereignisse zu debattieren. Es ist die institutionalisierte Form der spanischen Diskussionsleidenschaft.
An einer Tertulia teilzunehmen, ist wie ein Blick in das schlagende Herz der spanischen Gesellschaft. Du wirst Zeuge von scharfsinnigen Analysen, leidenschaftlichen Plädoyers und dem intellektuellen Funkenflug, der die spanische Kultur seit Jahrhunderten prägt. Eines der berühmtesten Beispiele ist das Café Gijón in Madrid. Seit den 1880er Jahren ist es die Heimat literarischer Tertulias, die auch heute noch stattfinden. Als Besucher kannst du dich an einen Nebentisch setzen und einfach nur zuhören. Du wirst nicht als Störenfried, sondern als stiller Beobachter respektiert.
Es geht dabei nicht darum, selbst aktiv mitzudiskutieren – das wäre für einen Aussenstehenden oft eine Überforderung. Es geht darum, zuzuhören und die Art und Weise aufzusaugen, wie Spanier denken, argumentieren und die Welt sehen. Du lernst die Themen kennen, die die Menschen bewegen, und erlebst die Kunst der gepflegten Debatte. Dies ist die ultimative Stufe des Reisens: Du bist nicht mehr nur Konsument von Erlebnissen, sondern wirst zum Zeugen des kulturellen Diskurses. Frage in lokalen Buchhandlungen oder historischen Cafés nach, ob und wann dort Tertulias stattfinden. Es ist eine Erfahrung, die deine Sicht auf Spanien für immer verändern wird.
Der Weg vom Touristen zum Reisenden ist eine bewusste Entscheidung. Er beginnt mit dem Mut, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und den direkten Kontakt zu suchen. Die hier vorgestellten Wege sind mehr als nur Reisetipps – sie sind eine Einladung, deine nächste Spanienreise als eine Serie von menschlichen Begegnungen zu gestalten. Probiere es aus und entdecke ein Spanien, das dir für immer im Herzen bleiben wird.
Häufige Fragen zu Tertulias
Kann ich als Tourist an einer Tertulia teilnehmen?
Ja, aber primär als respektvoller Zuhörer. Die meisten Tertulias sind öffentlich, erwarten aber keine aktive Teilnahme von Erstbesuchern.
Wo finde ich authentische Tertulias?
In historischen Cafés wie dem Café Gijón (Madrid), in Ateneos (Kulturzentren) oder durch Nachfrage in lokalen Buchhandlungen.
Welche Themen werden diskutiert?
Literatur, Politik, Philosophie, aktuelle Ereignisse – die Themen variieren je nach Gruppe und Tradition des Ortes.